Gestalttherapie

Die Gestalttherapie ist ein Psychotherapieverfahren aus dem Bereich der Humanistischen Psychologie. Sie wurde 1951 als völlig neuer psychotherapeutischer Ansatz vondem Arzt und ursprünglich Psychoanalytiker Fritz Perls, seiner Frau Lore Perls und dem Soziologen Paul Goodman auf der Basis der Gestaltpsychologie begründet.

Theoretischer Hintergrund und Geschichte der Gestalttherapie
Der Begriff Gestalttherapie hat nichts mit handwerklicher oder künstlerischer Gestaltung von Gegenständen zu tun. Der Name Gestalttherapie hat seinen Ursprung in der Gestaltpsychologie, die sich damit beschäftigt, wie wir Menschen mit unseren Wahrnehmungen unsere Wirklichkeit konstruieren, das heißt, unsere Welt in einem sehr realen Sinn selber erschaffen. Die Gestaltpsychologie beschreibt, dass in unserer Wahrnehmung die Welt nicht als Summe von Einzeleindrücken erlebt wird, sondern in geordneten Ganzheiten, in so bezeichneten „Gestalten“. Ein Teil des Wahrgenommenen wird in den Hintergrund zurück geschoben, während ein anderer Teil als Figur vor diesem Hintergrund hervorgehoben wird. Unsere Wahrnehmung ist dabeí flexibel. Sie kann gelenkt werden und sie ist schöpferisch. Wir sehen z.B. nicht einen Himmel übersät von Sternen, sondern wir fügen Gruppen von Sternen zu Sternbildern zusammen.

„Unser Gehirn bzw. unser Geist ist – zunächst durch unsere genetische Ausstattung und durch unsere Beziehungen und die uns umgebende Kultur – dazu gemacht, zusammenhängende Bilder und ganzheitliche Deutungen, Gestalten zu bilden und dann auf dem Boden dieser Gestalten zu lernen, zu handeln, zu bewerten und zu wachsen.“ (Gordon Wheeler (2006): Gestalt als sich entwickelndes Abenteuer)

Für die Entwicklung der Gestalttherapie waren und sind neben der Gestaltpsychologie noch weitere verschiedene anthropologische, philosophische und psychologischen Strömungen bedeutend. Dazu gehören unter anderem die Gedanken des Existentialismus („Der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht.“), die Gedanken Martin Bubers („Der Mensch wird am Du zum Ich.“) und die Theorie Kurt Lewins („jedes Ereignis beruht auf dem Zusammenwirken einer Vielzahl von Bedingungen“ und „jedes Verhalten ist ... allein vom psychologischen Feld zu dieser Zeit abhängig.“)

Die Begründer der Gestalttherapie
Fritz Perls (1893 – 1970) wurde in Deutschland geboren und erhielt dort nach seinem Medizinstudium seine Ausbildung zum Psychoanalytiker.
Während der Zeit des Faschismus emigrierte er mit seiner Frau Lore Perls nach Südafrika und später in die Vereinigten Staaten. Dort entwickelte er in Zusammenarbeit mit ihr, seinen Freunden und später auch mit seinen Schülern die Therapieform, die er Gestalttherapie nannte.

Zentrale Gedanken der Gestalttherapie
Fritz Perls hat das Wesen der Gestalttherapie mit den Worten „Ich und Du – Hier und Jetzt“ („I and Thou – Here and Now“) plakativ charakterisiert.
Damit betont er die reale Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn und stellt die Erfahrungen des Menschen in den Mittelpunkt. Fritz Perls unterstützte in seiner Arbeit den Prozess der eigenen Selbst- und Sinnfindung der KlientInnen, anstelle von festgelegten Interpretationen des Therapeuten. Sein Verständnis von Psychotherapie brachte er auch in der Veränderung der therapeutischen Situation zum Ausdruck: er setzte sich seinen KlientInnen gegenüber. Damit hob er das damalige psychoanalytische setting auf, bei dem der Therapeut am Kopfende hinter der Couch des liegenden Klienten saß.

Die Gestalttherapie betont die Wirklichkeit eigener Erfahrungen
Erfahrungen sind eine Einheit, in die der ganze Mensch mit seinem Körper, seinen Sinnen, seinen Gefühlen und seinem Geist involviert ist. Erfahrungen finden in der Gegenwart (Hier und Jetzt) statt. Grundlage von Erfahrungen ist die „Bewusstheit“. Darunter versteht man das ganzheitliche Wahrnehmen und Erleben eines Menschen. Das, was in einem Menschen selbst und in seiner Umwelt vorgeht. Bewusste Erfahrungen in der Gegenwart, von dem was ist, sind Voraussetzungen für wirklichen Kontakt mit sich und anderen Menschen.
Wirklicher Kontakt zu anderen Menschen ist wiederum eine wichtige Voraussetzung für persönliches Wachstum und menschliche Veränderungsprozesse.

Jeder erwachsene Mensch ist für sich und sein Leben verantwortlich
Die Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben, für die eigenen Erfahrungen und Handlungen, ist ebenfalls ein zentraler Gedanke der Gestalttherapie. Das bedeutet, dass ein erwachsener Mensch nicht seine Erfahrungen der eigenen Kindheit als Ursache dafür annehmen kann, dass sie oder er heute unzufrieden oder unglücklich ist. Kindheitserfahrungen haben möglicherweise einen Einfluss darauf, wie ein Mensch heute sieht, fühlt, denkt und handelt. Jeder erwachsene Mensch hat jedoch die Chance und die Aufgabe eigene, aktuelle Antworten auf seine jetzige Lebenssituation zu geben. Die Übernahme von Verantwortung für sich selber kann somit von möglicherweise noch heute als belastend erlebten Kindheitserfahrungen befreien. Frühere Erfahrungen können im Leben heute eine andere Bedeutung haben oder bekommen, als sie in der Vergangenheit hatten. Der Weg zu sich selber kann eine weitere oder sogar neue Art zu sehen, zu fühlen, zu denken und zu handeln beinhalten.

 

Buchtipp:
Beisser, A.R.: Wozu brauche ich Flügel?
Ein Gestalttherapeut betrachtet sein Leben als Gelähmter
3. Auflage Wuppertal 2005, € 13,50
Staemmler, F.-M. : Was ist eigentlich Gestalttherapie? Eine Einführung für Neugierige
Bergisch Galdbach, EHP 2009
Claudia Weissinger-Sonntag

Gestalttherapeutin, Kinder- u. Jugendlichen-Psychotherapeutin
Marktplatz 10
89073 Ulm

Tel: 0731 - 6 02 82 62
c.weissinger-sonntag@t-online.de


 
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